Die Schweizer Energiebranche richtet den Blick auf zusätzliche Speicher, um das Stromsystem im Winter zu entlasten. In der kalten Jahreszeit sinkt die Produktion vieler Wasserkraftwerke, während Haushalte, Unternehmen und zunehmend auch Wärmepumpen und Elektrofahrzeuge mehr Strom benötigen. Speicher können diese zeitliche Lücke verkleinern. Sie ersetzen jedoch weder neue Stromproduktion noch einen gut ausgebauten Netzausbau.
Im Mittelpunkt stehen drei Technologien: Pumpspeicherkraftwerke, Batteriespeicher und flexible Anlagen, die den Ausgleich im Netz unterstützen. Welche Lösung geeignet ist, hängt von Speicherdauer, Standort, Kosten, Umweltwirkungen und den regulatorischen Rahmenbedingungen ab.
Pumpspeicher speichern Energie über Stunden und Tage
Pumpspeicherkraftwerke nutzen zwei Becken auf unterschiedlichen Höhen. Bei einem Stromüberschuss wird Wasser in das höher gelegene Becken gepumpt. Wird Elektrizität benötigt, fliesst es durch Turbinen zurück ins untere Becken und erzeugt Strom. Der Prozess verursacht zwar Umwandlungsverluste, erlaubt aber eine grosse Speicherkapazität und eine schnelle Reaktion auf die Nachfrage.
In der Schweiz gehören Pumpspeicher bereits heute zu den wichtigsten Instrumenten für die kurzfristige Flexibilität. Anlagen wie Nant de Drance und Linth-Limmern zeigen, dass grosse Speicherkomplexe technisch möglich sind. Zusätzliche Projekte müssten allerdings genau prüfen, ob ein geeigneter Standort, ausreichende Wasserressourcen und ein wirtschaftlich tragfähiger Betrieb vorhanden sind.
Für den Winter ist entscheidend, wie lange ein Speicher Energie abgeben kann. Ein Pumpspeicher kann Leistung bereitstellen, wenn die Nachfrage kurzfristig steigt oder die Produktion aus Wind- und Solaranlagen schwankt. Er erzeugt aber keine zusätzliche Energie. Wird ein Becken während einer längeren Trockenperiode geleert, steht diese Reserve später nicht unbegrenzt zur Verfügung.
Batterien übernehmen schnelle Aufgaben im Netz
Batteriespeicher reagieren innerhalb sehr kurzer Zeit. Sie können Frequenzschwankungen ausgleichen, kurzfristige Lastspitzen abfedern und Solarstrom vom Mittag in die Abendstunden verschieben. Ihre Stärke liegt in der Geschwindigkeit und der flexiblen Platzierung nahe bei Verbrauchern, Produktionsanlagen oder wichtigen Netzknoten.
Für eine mehrmonatige Versorgungslücke sind Batterien dagegen nur begrenzt geeignet. Je länger die gewünschte Speicherdauer, desto grösser müssen Zellkapazität, Gebäude, Kühlung und Sicherheitsinfrastruktur dimensioniert werden. Deshalb werden Batterien voraussichtlich vor allem eine Ergänzung zu Wasserkraft, Pumpspeichern, Netzausbau und flexibler Nachfrage sein.
Netzausgleich braucht mehr als neue Speicher
Ein stabiler Strommarkt braucht jederzeit ein Gleichgewicht zwischen Erzeugung und Verbrauch. Speicher können Strom aufnehmen oder abgeben, wenn sich dieses Gleichgewicht verändert. Ebenso wichtig sind regelbare Wasserkraftwerke, internationale Stromflüsse, Reservekapazitäten und Verbraucher, die ihren Bedarf zeitlich verschieben können.
- Kurzfristig: Batterien und schnell regelbare Kraftwerke stabilisieren Frequenz und Leistung.
- Über mehrere Stunden: Pumpspeicher verschieben Energie zwischen Zeiten mit niedriger und hoher Nachfrage.
- Über längere Perioden: Wasserreserven, zusätzliche Produktion, Importe und ein sparsamer Verbrauch reduzieren das Risiko einer Knappheit.
Der Ausbau muss daher als Gesamtsystem geplant werden. Ein Speicher am falschen Ort kann trotz grosser Leistung nur begrenzt helfen, wenn Netzengpässe den Stromtransport verhindern. Umgekehrt kann ein Netzausbau den Bedarf an lokalen Reserven verringern, ohne Speicher vollständig überflüssig zu machen.
Bewilligungen entscheiden über den Zeitplan
Neue Speicherprojekte benötigen in der Schweiz je nach Grösse, Standort und Technologie mehrere Bewilligungen. Bei Pumpspeichern gehören raumplanerische Verfahren, Konzessionen für die Wassernutzung, Umweltverträglichkeitsprüfungen und Baubewilligungen zu den zentralen Schritten. Betroffene Gemeinden, Kantone, Umweltorganisationen und weitere Anspruchsgruppen können im Verfahren Stellung nehmen.
Auch Batteriespeicher müssen sicherheits- und baurechtliche Anforderungen erfüllen. Dazu zählen unter anderem Brandschutz, Notfallkonzepte, Netzanschluss und die Einhaltung technischer Vorgaben. Die Verfahren sind meist weniger umfangreich als bei einem grossen Bauvorhaben im Alpenraum, können aber durch Netzanschlüsse, Landnutzung oder Einsprachen verlängert werden.
Eine Projektankündigung bedeutet deshalb noch keine zusätzliche Speicherkapazität. Zwischen einer ersten Machbarkeitsstudie, der Projektierung, den Bewilligungen, der Finanzierung und der Inbetriebnahme liegen oft mehrere Jahre. Ein belastbarer Termin lässt sich erst nennen, wenn diese Schritte weit fortgeschritten sind.
Kosten hängen vom Markt und vom Standort ab
Speicherprojekte verursachen nicht nur Kosten für Turbinen, Batterien oder Becken. Hinzu kommen Planung, Bau, Netzanschluss, Landnutzung, Sicherheitsanlagen, Unterhalt und späterer Rückbau. Bei Pumpspeichern sind die Bauarbeiten und geologischen Risiken besonders wichtig. Bei Batterien beeinflussen Zellpreise, Lebensdauer, Ersatzinvestitionen und Recycling die Wirtschaftlichkeit.
Die Einnahmen entstehen typischerweise aus mehreren Märkten: durch den Verkauf von Energie zu unterschiedlichen Zeitpunkten, durch Systemdienstleistungen und durch die Bereitstellung von Reserveleistung. Diese Erlöse können schwanken. Ein Speicher ist deshalb nicht automatisch rentabel, nur weil im Winter eine höhere Nachfrage erwartet wird.
Für die Finanzierung ist ausserdem entscheidend, wer das Risiko trägt. Private Betreiber achten auf langfristig planbare Einnahmen, während die öffentliche Hand vor allem Versorgungssicherheit, Standortentwicklung und Klimaziele bewertet. Eine klare Regelung für Netzentgelte, Marktzugang und Systemdienstleistungen kann Investitionsentscheide beschleunigen.
Umweltfragen bleiben ein zentraler Prüfstein
Speicher gelten als Teil der Energiewende, sind aber nicht ohne Auswirkungen. Bei neuen Wasserbauprojekten müssen Landschaft, Gewässerökologie, Wasserhaushalt, Landwirtschaft und mögliche Folgen für den Tourismus berücksichtigt werden. Auch bestehende Anlagen können ökologische Anforderungen erfüllen müssen, etwa bei Restwasser, Fischschutz und saisonalen Schwankungen.
Batterien benötigen Rohstoffe, Fläche und technische Schutzsysteme. Ihre Umweltbilanz hängt von Herstellung, Strombezug, Nutzungsdauer und Recycling ab. Eine längere Lebensdauer und eine möglichst hohe Wiederverwendung von Materialien können die Belastung reduzieren. Gleichzeitig müssen Betreiber Vorsorge gegen Brände und den Austritt schädlicher Stoffe treffen.
Bei jedem Vorhaben ist daher abzuwägen, welchen Beitrag es zur Versorgungssicherheit tatsächlich leistet und welche Eingriffe dafür notwendig sind. Ein kleinerer Speicher an einem bestehenden Infrastrukturstandort kann unter Umständen weniger Konflikte verursachen als ein vollständig neues Grossprojekt.
Ein realistischer Zeithorizont
Kleinere Batteriespeicher können nach abgeschlossener Planung und Netzprüfung vergleichsweise schnell realisiert werden. Bei grossen Pumpspeicher- oder Wasserbauprojekten ist ein Zeithorizont von mehreren Jahren realistisch. Verzögerungen durch Bewilligungen, Finanzierungsfragen, Lieferketten oder geologische Überraschungen sind möglich.
Für die kommenden Winter können deshalb vor allem bestehende Wasserkraftreserven, ein effizienter Netzbetrieb, flexible Verbraucher, verfügbare Importe und bereits geplante Anlagen eine Rolle spielen. Neue Grossspeicher sind eher eine mittel- bis langfristige Ergänzung. Entscheidend ist, dass Projekte nicht nur angekündigt, sondern transparent nach Leistung, Speicherdauer, Kosten, Bewilligungsstand und erwarteter Inbetriebnahme bewertet werden.
Fazit
Zusätzliche Speicher können die Schweizer Stromversorgung im Winter robuster machen. Pumpspeicher eignen sich für grosse Energiemengen und den Ausgleich über mehrere Stunden, Batterien für schnelle Reaktionen und kurzfristige Verschiebungen. Beide Technologien brauchen jedoch ein leistungsfähiges Netz, klare Marktregeln und eine sorgfältige Prüfung der Umweltfolgen.
Der Ausbau wird daher nicht allein an der technischen Machbarkeit entschieden. Bewilligungen, Finanzierung, Standortakzeptanz und ein realistischer Zeitplan sind ebenso wichtig. Die ersten Projekte können kurzfristige Netzaufgaben lösen; eine verlässlichere Winterversorgung entsteht aber erst durch das Zusammenspiel von Speichern, zusätzlicher Stromproduktion, Netzen und einem flexibleren Verbrauch.
